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Robinson Jeffers – Dichter & Werk

    “… Dennoch nehme ich an, daß einige wenige auf der Welt die Gabe besitzen, wirklich zu verstehen –
    Habe meine Geburtsschuld bezahlt, bin quitt mit den Menschen.”

    Jeffers in: Birth-Dues, 1928


John Robinson Jeffers wird am 10. Januar 1887 in Pittsbourgh/ Pennsylvania geboren. Sein Vater, Theologieprofessor und Kalvinist, lehrt ihn als Kind Griechisch, Latein und Hebräisch, und läßt ihn an Schulen in Leipzig, Luzern, Zürich, Lausanne und Genf unterrichten, wo Jeffers Deutsch und Französisch lernt. Mit fünfzehn Jahren nimmt er das Studium an der Western-Pennsylvania-Universität auf. 1903 zieht die Familie nach Los Angeles, und er wechselt an das dortige Occidental College. Die Studien umfassen Theologie, Philosophie, Philologie, Astronomie und Geologie. Danach geht Jeffers an die Universitäten von South California und Zürich und beschäftigt sich mit verschiedenen Gebieten europäischer Literatur. 1906 ist er wieder in Los Angeles und nimmt ein Medizinstudium auf. An dieser Schule macht er in einem Literaturseminar die Bekanntschaft der verheirateten Una Call Kuster. Jeffers bricht 1910 das Studium ab und geht an die Universität von Washington, um Forstwirtschaft zu studieren, kehrt aber ein Jahr später ohne Abschluß zurück. Die Liebesbeziehung mit Una setzt sich fort, bis ihr Mann davon erfährt; nach Skandal und Ehescheidung können die beiden 1913 heiraten. Kurz zuvor, 1912, ist Jeffers’ erster Gedichtband Flagons and Apples verlegt worden.

Das junge Paar plant die Übersiedlung nach dem europäischen Festland oder der Ägäis, doch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hält sie davon ab. Zu dieser Zeit entdecken sie die kaum besiedelte Gegend von Monterey/Kalifornien für sich. Jeffers ist fasziniert von der “unverdorbenen Szenerie: Zum ersten Mal” sieht er “Menschen so zeitlos leben wie in Idyllen, Sagas und Homers Ithaka; doch das Leben hier war nicht abgeschlossen von der modernen Welt, sondern ihrer bewußt und auf sie bezogen” [Jeffers im Vorwort zu “Selected Poetry”, 1938]. Jeffers trifft für sich die endgültige Entscheidung, was immer für ein Dichter er auch sein würde, auf jeden Fall kein ‘Moderner’ zu werden. 1916 bringt seine Frau Una Zwillige zur Welt, zwei Söhne.

Mittels einer kleinen Erbschaft kauft Jeffers ein Stück Land an der Küste von Monterey, südlich von Carmel. Beim Bau seines Tor House, für das er Granitblöcke vom Strand verwendet, geht er dem Baumeister zur Hand und läßt sich zum Maurer und Steinmetz ausbilden. 1919 steht das Haus, und die Familie zieht ein. Jeffers forstet den baumlosen Küstenstrich mit Hunderten von Zypressen und australischen Eukalyptus-Bäumen auf. Die Vormittage schreibt er, nachmittags baut er am Haus oder am Hawk Tower, einem zwölf Meter hohen Turm, den er mit seiner eigenen Hände Arbeit neben dem Haus errichtet. Die Jahre vergehen zunächst ohne dichterischen Erfolg. In seinem zweiten Gedichtband Californians (1916) hat Jeffers zwar schon den Gegenstand seiner Dichtung, aber noch nicht seine Sprache gefunden.

Sein langes Erzählgedicht Tamar erregt 1924 große Aufmerksamkeit und wird ein kommerzieller Erfolg. Für Jeffers beginnt eine produktive Zeit. Es folgen weitere Gedichte, wie Roan Stallion (1925), The Tower Beyond Tragedy (1926), The Woman at Point Sur (1927), Cawdor (1928), Dear Judas (1929). Sein Ansehen wächst mit den Jahren, man zählt ihn bald zu den bedeutenden amerikanischen Dichtern des zwanzigsten Jahrhunderts. Allerdings sieht er sich ständigen Angriffen der Etablierten ausgesetzt, herrscht doch gerade die verfeinerte Lyrik der “New Critics” vor, während Jeffers in seinem “poetic realism” den Zeitgeschmack grob vernachlässigt. So ist sein Werk zusehends umstritten; fordert einerseits aufgeregte und heftige Attacken heraus und erregt andererseits enthusiastische bis übertriebene Verehrung. Jeffers mißt dem jedoch kaum Bedeutung bei. Es entstehen des weiteren Thusor’s Landing (1932), Such Counsels You Gave to Me (1937), Be Angry at the Sun (1941) u.a. und festigen seinen landesweit umstrittenen Ruf. Seine Bearbeitung von Euripides’ Medea, die er der Schauspielerin Judith Anderson auf den Leib schreibt, wird 1948 ein Broadway-Erfolg.

Im selben Jahr erscheint The Double Axe. Erstmals benennt Jeffers öffentlich seine philosophische Haltung als “Inhumanismus” (der im wesentlichen davon ausgeht, daß der Mensch – entgegen der etablierten Sichtweise des Humanismus – nicht etwa das Maß, sondern lediglich Teil der Dinge ist). Jeffers fordert den Menschen auf, “endlich erwachsen zu werden und sich nicht länger wie ein selbstbefangenes Kleinkind oder wie ein Geisteskranker aufzuführen” [Jeffers im Vorwort zu “The Double Axe and Other Poems”, 1948]. Die amerikanische Öffentlichkeit, die sich in ihrem Patriotismus durch den Sieg im Zweiten Weltkrieg bestätigt sieht und sich anschickt, ihr Heil in einer humanistischen Menschheitsbeglückung zu finden, ist auf das Äußerste empört. Selbst sein langjähriger Verlag distanziert sich im Buch von seinem Autor. Jeffers taucht fortan in Anthologien nicht mehr auf.

1950 stirbt seine Frau Una an Krebs. Dieser Verlust trifft ihn schwer und bestimmt das namensgebende Gedicht seines letzten zu Lebzeiten herausgegebenen Gedichtbandes Hungerfield (1954), das eine Auseinandersetzung mit dem Tod wird. Robinson Jeffers stirbt am 20. Januar 1962, kurz nach Vollendung seines 75. Lebensjahres. Aus dem Nachlaß erscheint ein Jahr später das unvollendet gebliebene The Beginning and the End.



Im deutschen Sprachraum blieb Jeffers nahezu unbekannt und lange Zeit unübersetzt. Im Jahre 1947 erschien das Gedicht Cassandra in der “Amerikanischen Rundschau” (herausgegeben vom Büro der Militärverwaltung für Bayern der U.S. Army), wo Jeffers noch in einer Reihe mit anderen amerikanischen Autoren dieser Zeit vertreten ist. Es dürfte sich hierbei um die erste Veröffentlichung eines Jeffers-Gedichtes in Deutsch handeln (der Übersetzer ist nicht genannt). In den 50er Jahren wurden drei seiner Bearbeitungen griechischer Tragödien an einigen deutschen Theatern gespielt (und wurden als Buch herausgegeben in der Übersetzung von Eva Hesse). Eine Gedichtauswahl kam erst 1984 heraus (ebenfalls von Eva Hesse), erlebte drei Jahre später eine Nachauflage als Taschenbuch, fand jedoch in der breiten Öffentlichkeit kaum nachhaltige Beachtung. 1989 erschienen die Fragmente der Undeutlichkeit von Botho Strauß, in denen er sich dem Dichter Robinson Jeffers und dessen Werk annähert und Passagen einiger Gedichte und Prosatexte zitiert. Obwohl Strauß für das Buch mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt wurde, hielt sich das Interesse an Jeffers’ Werk weiterhin in Grenzen. 1998 folgt Jeffers Akt I und II, ebenfalls von Botho Strauß, und kommt in Berlin auf die Bühne. Das Medieninteresse gilt vor allem den Schauspielern und der Inszenierung.

Bekannter ist Jeffers in Osteuropa, insbesondere in der Slowakei und Bulgarien, wo vor allem seine langen Erzählgedichte Anklang fanden. The Loving Shepherdess ist in Jugoslawien sogar verfilmt worden. Ansonsten ist die Erinnerung an ihn wohl hauptsächlich in Kalifornien lebendig, wo sie mitunter kultartige Züge annimmt. Alljährlich findet ein Jeffers-Festival in Carmel statt, und der “Robinson Jeffers Tor House Prize for Poetry” wird ausgelobt. Außerdem erscheint quartalsweise das Journal Jeffers Studies an der California State University Long Beach [in Zusammenarbeit mit dem Occidental College und der Robinson Jeffers Association], welches über Neuausgaben, Theateraufführungen und kritische Veröffentlichungen zu Jeffers’ Werk berichtet. Das Tor House übrigens findet man an der Ocean View Avenue, südlich von Carmel. Es kann nach vorheriger Anmeldung bei der Tor House Foundation besichtigt werden.


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